|
Ein Wintertag mit den Blässgansfamilien am Niederrhein auf den Deichen bei Wallach,
auf der Bislicher Insel, im Altrheingebiet von Rees-Bienen, am Düffel..
Ende September/Anfang Oktober landen die ersten Blässgansfamilien nach tausenden von Kilometern langem Flug am Niederrhein, einem ihrer bedeutendsten Winterlebensräume in Mitteleuropa. Von hier waren sie im Frühjahr in die Arktis gestartet, die ihnen in den Sommermonaten nach der Schneeschmelze für sie geeignete Brutareale und in der Zeit der Mitternachtssonne ideale Möglichkeit zur Nahrungssuche bietet. In der Tundra sammelten die Nestlinge/Jungen der Blässgänse intensiv betreut von den Eltern - oft unter Assistenz von Vorjahresgeschwistern - ihre ersten Lebenserfahrungen.
Zum Zeitpunkt des Abflugs aus dem Brutgebiet Ende August sind die erbrüteten Jungen der Wildgänse im Gegensatz zu den im gleichen Sommer erbrüteten Jungen der Singvögel noch nicht fähig, unabhängig von ihren Eltern eigenständig den gefahrvollen Zug in die Winterlebensräume anzutreten. Sie bewältigen in den ziehenden Wildgansgruppen in engem Kontakt zwischen den Eltern fliegend mit vielen Unterbrechungen auf den Altvögeln bekannten Trittsteinen entlang des Vogelzugs zwar schon den Langstreckenflug. Es fehlen ihnen jedoch noch alle Kenntnisse und Erfahrungen, um alleine den Lebensanforderungen und Gefahren gewachsen zu sein. Jungvögel, die in ihrem ersten Winter ihre Eltern durch Abschuss oder Unfall verlieren, haben daher kaum Überlebenschancen, zumal sie in dieser Lebensphase nicht mehr von anderen Gänsepaaren adoptiert werden.
 |
 |
 |
Typische Stellung Zwei Jungvögel von den Eltern in die Mitte genommen |
 |
Porträt dieser Jungvögel |
Der auffallende Habitus der ausgewachsenen Blässgänse - das ausgeprägte weisse Stirnabzeichen ("Blässe") und die individuell sehr unterschiedliche, intensive schwarze Zeichnung auf der Unterseite - kennzeichnen noch nicht die im Herbst eintreffenden Jungvögel. Sie haben eine ungezeichnete hellbraune Unterseite und einen feinen schwarzen Ring um den Schnabel. Im Verlauf des Winters setzt die Blässe leicht an. Die Vorjahresgeschwister tragen das für beide Geschlechter identische Jahreskleid noch in unvollständiger Ausprägung.
| Bei dem starken Familienzusammenhalt aller Gänse sind die Jungvögel immer zusammen mit den Altvögeln anzutreffen und daher im Vergleich des Federkleides einfach zu identifizieren. |
 |
In Anbetracht des sehr kurzen Zeitraums zwischen Eiablage und Abflugtermin in der Arktis können die Jungen der Wildgänse die erforderlichen Überlebensstrategien wie auch das ihrer Art angepasste Sozialverhalten erst während ihres ersten Winters unter strikter Führung ihrer Eltern trainieren. Beobachtend und Nachahmend lernen die Jungvögel erstmals auf dem Vogelzug und anschliessend in den Winterlebensräumen das Auffinden geeigneter Äsungsplätze auf Grünland oder abgeernteten Mais- und Rübenäckern wie auch das Äsungsverhalten unter steter Sicherung der Gruppe durch eine "Wächtergans".
 |
 |
 |
| Der Jungvogel (‚Bildmitte) hat die "Wächterposition" schon einem Altvogel abgeschaut |
Es ist immer wieder faszinierend zuzuschauen, wie aufmerksam die Blässgänse ihre Umgebung beobachten. Beim Überfliegen eines hinter Gesträuch geparkten Autos wird unter Ausstoßen eines Warnlautes in Bruchteilen von Sekunden die Flugrichtung gewechselt. Auf offensichtlich als Gefahr eingeschätzte Ereignisse wie Flugverkehr erfolgen blitzschnell Verhaltensänderungen.
Die hier im Winterlebensraum miterlebbare stets gespannte Aufmerksamkeit lässt ahnen, welche Bedeutung dieses Training für die Überlebenschancen der Individuen als Zugvögel, die im Vergleich mit Standvögeln mit schnell wechselnden und immer neuen Gefahren in den unterschiedlichsten Landschaften konfrontiert werden, hat. So lernen die Jungvögel in ihrem ersten Winter von den sie führenden Eltern Ausweichstrategien gegenüber vielerlei Gefährdungen.
 |
 |
| Gruppenaufmerksamkeit beim Eintreffen auf neuem Terrain oder beim "Gänsemarsch" |
|